Menschen diskutieren an einem Tisch

Von der Idee zum eigenen Start-up: Peers ist durch ein Start-up-Programm bei Trumpf entstanden und inzwischen eigenständig. - Symbolbild: Adobe Stock/saksit

| von Anja Ringel

Frau Hertzler, wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Softwarelösung für Personalentwicklung in der Industrie zu entwickeln?

Elisa Hertzler: Ich war bei Trumpf selbst für die Strategie verantwortlich und habe dabei gemerkt, dass die Umsetzung sehr langsam läuft, wenn die notwendigen Fähigkeiten im Unternehmen noch nicht vorhanden sind. Das fand ich sehr schade. Ich habe mich dann gefragt, wie KMUs sich auf aktuelle Herausforderungen wie zum Beispiel die Digitalisierung einstellen - ohne eine eigene Personalentwicklung, die die Mitarbeiter in fehlenden Fähigkeiten weiterbilden könnte. Meine Recherchen haben dann gezeigt, dass viele Unternehmen vor ähnlichen Herausforderungen stehen, weil sich die Welt wahnsinnig schnell verändert.

Sie haben es schon angesprochen: Ihre Idee ist bei Trumpf entstanden. Sie haben bei Ihrer Start-up-Gründung nicht den ‚klassischen‘ Weg genommen, sondern haben sich durch das Start-up-Programm des Ditzinger Unternehmen heraus entwickelt. Wie ist das genau abgelaufen?

Hertzler: Ich habe die Idee zunächst drei Monate lang mit einem Kollegen aus der Personalabteilung weiterentwickelt. Er hat sich aber aus privaten Gründen dazu entschlossen, das Projekt nicht weiter zu verfolgen. Ich habe dann bei Trumpf um ein halbes Jahr Verlängerung gebeten, die auch genehmigt wurde. Mit dem Budget, das Trumpf zur Verfügung gestellt hat, konnte dann der erste Prototyp gebaut werden. In dieser Zeit ist auch mein Co-Gründer zum Unternehmen gestoßen und wir konnten unseren ersten Mitarbeiter einstellen.

Wie war das Gründen über das Trumpf-Programm rückblickend für Sie?

Hertzler: Es war quasi ein weich gebettetes Gründen, weil die erste Finanzierung aber auch das Networking über den Akzelerator laufen. Beim ‚normalen‘ Gründen ist das Risiko außerdem noch größer. Das soll nicht heißen, dass wir kein Risiko hatten. Bei uns gab es auch keinen Rückfahrtschein. Wir haben dann schließlich auch gekündigt, einen Auflösungsvertrag ausgehandelt und selbst eine GmbH gegründet.

Das heißt, das Start-up wurde anfangs von Trumpf gefördert und dann haben Sie sich selbstständig gemacht. Inzwischen ist das Ditzinger Unternehmen aber wieder ein Investor von Ihnen. War das so geplant?

Hertzler: Es gab natürlich immer enge Gespräche. Trumpf hatte aber eine klare Bedingung: Sie investieren nur, wenn es auch andere Investoren gibt, damit das ganze kein „Gschmäckle“ hat wie man auf Schwäbisch sagt. Sie wollten damit zeigen, dass sie ein rein finanzieller Investor sind, genau wie jeder andere. Ich bin dann losgezogen und habe Investoren gesucht.

Elisa Hertzler bei einer Podiumsdiskussion.
Elisa Hertzler hatte die Idee zu Peers als sie noch beim Ditzinger Unternehmen Trumpf gearbeitet hat. - Bild: Plattform Industrie 4.0

Peers gibt es jetzt seit März 2018. Wie läuft es bis jetzt?

Hertzler: Sehr gut. Wir haben unser erstes Produkt entwickelt, das bei den ersten Kunden läuft, die dafür auch entsprechend zahlen. Inzwischen sind über 5.000 Lernangebote in unserer Plattform. Dafür haben wir Verträge mit unterschiedlichen Anbietern wie Haufe und einer IHK-Tochter geschlossen. Durch die neuen Lerninhalte entwickelt sich natürlich auch die KI weiter.

Das steckt hinter der Idee von Peers

Vor allem aufgrund der Digitalisierung wollen und müssen viele Unternehmen ihre Mitarbeiter weiterbilden. Mit Coachings, Apps, Videos etc. gibt es dabei die verschiedensten Möglichkeiten. Die Idee von Peers-Gründerin Elisa Hertzler: Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz sollen die besten Weiterbildungsmöglichkeiten für die jeweiligen Ziele, Budgets und Vorkenntnisse der Unternehmen und Mitarbeiter gefunden werden. Die KI soll dann individuelle Programme zusammenstellen.

Online-Weiterbildungsmöglichkeiten sind durch die Coronakrise sehr gefragt. Bekommen Sie mehr Anfragen? Sind bestimmte Themen besonders beliebt?

Hertzler: Ja, wir bekommen tatsächlich mehr Anfragen. Eine Firma ist zum Beispiel auf uns zugekommen, weil ihre Service- und Aftersales-Mitarbeiter wegen Corona nicht einfach nach China reisen können. Die Anforderungen an digitalen Lösungen sind schon vorher gestiegen und das wird durch Corona noch multipliziert. Wir haben den Mitarbeitern durch E-Learning dann digitale Fähigkeiten beigebracht. Dabei ging es zum Beispiel um die Fragen, wie kann ich Kunden auf digitalem Weg beraten und mit ihnen kommunizieren. Wir haben aber auch das Thema wie funktionieren Datenbanken in Lernpfaden angeboten.

Corona hat viele Herausforderungen auch beschleunigt. Eine andere Firma wollte ihre Führungskräfte weiterbilden. Da ging es um das Thema von der Fach- zur Führungskraft. Zu Beginn der Coronakrise ging es dann auf einmal darum, wie geht Führen auf Distanz, von zu Hause aus. Homeoffice ist für Viele eine komplette Veränderung und da geht es für viele Unternehmen um die Frage, wie man das meiste aus den Mitarbeitern herausholen kann und wie sie ihren Alltag strukturieren können.

Man könnte fast sagen, Sie sind eine Exotin in der Start-up-Welt. Denn laut dem Female Founders Monitor waren 2019 nur 15,1 Prozent der Gründer weiblich. Können Sie sich erklären, woran das liegt?

Hertzler: Es ist schwer, sich auf einen Grund festzulegen. Es ist sicherlich so, dass sich die strukturellen Probleme im Gründer-Umfeld noch potenzieren. Laut Studien, bewerben sich Frauen nur auf eine Stelle, wenn sie 100 Prozent passen, im Gegensatz zu Männern. Beim Gründen bewerbe ich mich ins Ungewisse hinein und zusätzlich auf die Chef-Stelle. Das macht Angst.

Welche Herausforderungen haben weibliche Gründerinnen denn?

Hertzler: Die Leitung ist vor allem bei einem Start-up eine Herausforderung, weil das ein sehr ambivalentes und volatiles Umfeld ist. Man braucht viel Fingerspitzengefühl, hat immer das Wohl der Mitarbeiter im Kopf und alles passiert in einer rasanten Geschwindigkeit. Ich könnte mir vorstellen, dass Frauen da generell mehr darüber nachdenken.

Welche Tipps würden Sie denn einer potenziellen Gründerin geben?

Hertzler: Ich würde sie erst einmal ermutigen. Denn zu gründen macht unheimlich Spaß. Dann würde ich sagen „Trau dich, groß zu denken“. Das ist eine Ganz-oder-gar-nicht-Geschichte. Denn als Start-up sollte man mit seiner Idee mindestens den europäischen Markt revolutionieren, vor allem bei Venture Capital Investments. Sonst ist das Geschäftsmodell nicht gut genug. Allerdings zeigt der Female Monitor auch, dass Frauen, wenn sie gründen, weniger Kapital einsammeln. Da muss sich auch bei VCs etwas verändern.

Wenn Sie von „Ganz oder gar nicht sprechen“: Gab es denn bei Ihnen Momente, in denen Sie die Gründung bereut haben?

Hertzler: Bereut habe ich es gar nicht, ich habe mir den Schritt aber sehr genau überlegt. Ich habe mir ausgerechnet, wie lange ich ohne Gehalt leben kann, wie lange ich meine Miete zahlen kann, sollte es doch nicht klappen. Der Exit-Plan hat mich dann beruhigt. Ich hab mir immer gedacht: Das schlimmste, was passieren kann, ist dass du drei Monate arbeitslos bist. Das war natürlich vor Corona.

Welche Ziele haben Sie denn mit Peers für die nahe Zukunft?

Hertzler: Wir hoffen, noch mehr Kunden mit unserer Lösung unterstützen zu können. Dann wollen wir unser Team ausbauen und ein Produkt schaffen, bei dem der Kunde nicht mit uns in Kontakt treten muss. Das ist ein Lernpfadgenerator mit einem Fragebogen durch den dann die passenden Lernpfade vorgeschlagen werden. Das ist unser Projekt für September.

Um wieder zu Ihrer Anfangszeit zurückzukommen: Was haben Sie in Ihrer Zeit bei Trumpf mitgenommen, was Ihnen in Ihrem Start-up jetzt weiterhilft?

Hertzler: Inhaltlich habe ich vor allem mitbekommen, welche Herausforderungen es in den Strategieabteilungen gibt. Dann habe ich verstanden, wie Mittelständler und Konzerne ticken, mit wem man sprechen muss, wenn man eine Entscheidung will. In diesem Punkt können wir unsere Kunden gut unterstützen, wenn es darum geht, dass ein Projekt unterschrieben werden soll. 

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