Zwei Besucher schauen sich Ausstellungsobjekte auf der SPS an.

Den Messe-Restart der SPS besuchten an den drei Messetagen insgesamt fast 44.000 Interessenten. (Bild: Mesago/Arturo Rivas Gonzalez)

Hand aufs Herz: Heben Sie momentan ab, wenn einer Ihrer Zulieferer anruft? Denn solche Anrufe bedeuteten in letzter Zeit oft schlechte Nachrichten, sagte Rainer Brehm, CEO Factory Automation bei Siemens auf der diesjährigen SPS. Genau diese angespannte Lage bei Rohstoff- und Materiallieferungen war eines der Themen, über die sich die Branche auf der Fachmesse für smarte und digitale Automation austauschte. Mehr als 1.000 Aussteller präsentierten in Nürnberg den fast 44.000 Messebesuchern ihre neuesten Innovationen präsentiert und über die aktuelle wirtschaftliche und politische Lage diskutiert.

Doch trotz der vielen Herausforderungen und Probleme scheint die Stimmung in der Branche weiter gut zu sein. „Eigentlich muss eine Krise kommen, aber wir sehen sie noch nicht“, sagte zum Beispiel Hans Beckhoff, Chef von Beckhoff Automation.

Was die Unternehmen zur aktuellen Lage sagen, lesen Sie hier:

So ist die Lage in der Elektrischen Automation

  • Von Januar bis September stiegt der Auftragseingang in der Elektrischen Automation im Vergleich zum Vorjahr um zwölf Prozent.
  • Der Umsatz legte im gleichen Zeitraum um acht Prozent zu.
  • Die Nachfrage in der Automatisierungsbranche wurde laut VDMA dieses Jahr bisher insbesondere durch Nachholeffekte beflügelt.
  • „Für 2023 rechnen wir mit einem nominalen Anstieg im Umsatz von plus zehn Prozent im Vergleich zu 2022“, sagte Jörg Freitag, Vorstandsvorsitzender des VDMA Elektrische Automation, auf der SPS.
  • Die größte Herausforderung für die Branche ist weiter die Materialverfügbarkeit von Elektronikkomponenten.

Gemischte Lage beim Materialmangel

Beckhoff erklärte aber auch: „Die Liste der kritischen Bauelemente wird weniger, aber einige wenige sind hyperkritisch.“ Die Einhaltung exakter Lieferzeiten sei derzeit schwierig.

„Natürlich treffen uns - wie alle anderen auch – die Materialengpässe“, sagte Henning Grönzin, CTO bei Leuze. Der Mangel betreffe vor allem die Verfügbarkeit von Halbleiterbauteilen. Eine weitere Herausforderung für das Unternehmen ist das Thema Allocation. Das heißt, es kann passieren, dass Leuze von einer bestellten Stückzahl an Bauteilen nur eine bestimmte, geringere Menge geliefert bekommt. „Mit den uns zugeteilten Komponenten können wir deshalb auch unseren Kunden nicht immer die Menge liefern, die sie bestellen, sondern müssen auch ihnen Mengen zuteilen“, erklärte Grönzin.

Um gegen Materialmangel gewappnet zu sein, hat Leuze seine Rohmaterialbestände „signifikant erhöht“ und längerfristige Verträge mit seinen Lieferanten geschlossen, erklärte CEO Ulrich Balbach.

Die suboptimale Situation auf der Lieferseite hat im Übrigen auch Auswirkungen auf die Produkte des Unternehmens. „Wir haben einen nicht unerheblichen Teil unserer Entwicklung auf die Anpassung unserer Produkte an die aktuelle Materialverfügbarkeit durch nicht vorhandene Bauteile abgestellt“, berichtete Grönzin. Das heißt, die Entwickler suchen möglichst funktions- und baugrößengleiche Bauteile. Sind solche verfügbar, werden die Produkte dementsprechend angepasst.

Sind solche Bauteile nicht verfügbar, müssen in Einzelfällen ganze Schaltungen neu geplant werden, so Grönzin.

Podcast: ZVEI-Präsident über Halbleitermangel und die Elektroindustrie

Auch Phoenix Contact hat mit großen Herausforderungen auf der Materialversorgungsseite zu kämpfen, sagte COO Ulrich Leidecker. Die weiter angespannte Situation auf dem Halbleitermarkt habe auch in diesem Jahr die Produktion in seinem Unternehmen limitiert und zu Lieferschwierigkeiten geführt.

Dennoch geht das Unternehmen weiter von einer Umsatzsteigerung von 20 Prozent für das laufende Jahr aus. Die Firma rechnet mit einem Umsatz von knapp 3,6 Milliarden Euro. „Besonders erfreulich“ ist für Leidecker, dass der eigentlich gesättigte deutsche Markt ebenfalls um 20 Prozent steigt.

Mehr Eindrücke von der SPS

Auch unsere Kollegen der 'All Electronics' waren in Nürnberg vor Ort:

Die Auftragslage ist bei vielen Unternehmen weiter gut. Bei Leuze zum Beispiel wuchsen die Auftragseingänge und -bestände um 60 Prozent. Die Auftragsbestände machen laut Balbach normalerweise zwei bis drei Monate aus. Momenten seien es fünf. Der CEO rechnet deshalb damit, dass Leuze sein Umsatzziel für 2022 (300 Millionen Euro) erreichen wird.

Beim Thema Gas geht Leuze im Übrigen von keiner Beeinträchtigung aus. „Bei unseren Abläufen in der Produktion und in der Logistik handelt es sich um Prozesse, die einen geringen Energieeintrag aufweisen“, sagte Balbach. Das Unternehmen nutze außerdem kaum Erdgas und plant, im kommenden Jahr 90 Prozent seines Strombedarfs durch erneuerbare Energien zu beziehen.

Branche zieht sich aus Russland zurück

Ein weiteres Thema war natürlich auch der Krieg in der Ukraine und seine Auswirkungen. „Lieferungen nach Russland wurden unmittelbar nach Kriegsausbruch in unseren Systemen konsequent gesperrt“, sagte Leuze-CEO Balbach. Lieferseitig war das Unternehmen von den Sanktionen nicht betroffen, da Leuze keine Rohmaterialen aus Russland oder der Ukraine bezogen hat.

Neben einem Lieferstopp nach Russland hat Phoenix Contact inzwischen auch beschlossen, die russische Tochtergesellschaft zu veräußern und die Geschäfte mit Russland nicht weiter zu betreiben.

Beckhoff ist ebenfalls nicht mehr in Russland aktiv.

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Weitere Impressionen von der SPS

Messebesucher strömen auf den Eingang der Messe zu
Fast 44.000 Besucher kamen zur Messe SPS nach Nürnberg. (Bild: Mesago/Arturo Rivas Gonzalez)
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