Nächtliche Szene: beleuchtetes Logo des Bayer-Konzern vor dunklem Gebäude

Sieht sich in einer ethischen Verantwortung: Der Bayer-Konzern will der russischen Zivilbevölkerung wesentliche Gesundheits- und Landwirtschaftsprodukte nicht vorenthalten. (Bild: Bayer)

Am 3, Juni ist es genau 100 Tage her, dass Russland den Angriff auf das Nachbarland Ukraine begonnen hat. Der Krieg trifft auch deutsche Unternehmen. Ob Sanktionen, steigende Preise, Probleme in der Lieferkette, Materialknappheit - die Liste der Auswirkungen ist lang. Hinzu kommt der öffentliche Druck auf jene Firmen, die noch in Russland aktiv sind und damit in den Augen von Kritikern den Krieg unterstützen.

Liste der Schande der Yale-Universität

Für Aufmerksamkeit sorgte die Liste eines Wirtschaftswissenschaftlers der Yale-Universität, in der die Tätigkeiten von in Russland aktiven Unternehmen nach amerikanischen Schulnoten bewertet wird. In diversen Medien wurde sie als "Liste der Schande" bezeichnet. Auch zahlreiche deutsche Unternehmen sind auf ihr zu finden.

Ost-Ausschuss warnt vor Pauschalkritik

Zwar ziehen sich viele deutsche Firmen komplett aus Russland zurück. So kündigte etwa Siemens an, das Land nach 170 Jahren zu verlassen. Aber manche Firmen bleiben. Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft lehnt es ab, Wirtschaftskontakte mit Russland, die im Rahmen der Sanktionsregelungen zulässig seien, pauschal zu verurteilen.  Cathrina Claas-Mühlhäuser, stellvertretende Vorsitzende des Ausschusses: "Jahrzehntelang aufgebaute Wirtschaftsbeziehungen können nicht über Nacht beendet und Verträge einfach gebrochen werden".

So begründen deutsche Unternehmen ihren Verbleib in Russland:

SAP will Verträge in Russland einhalten

So argumentiert auch der Softwarekonzern SAP aus Walldorf (Rhein-Neckar-Kreis). Dieser habe schnell den Verkauf von Produkten und Lösungen in Russland eingestellt und auch einen geordneten Rückzug aus Russland angekündigt. Doch im Rahmen bereits geschlossener Verträge komme SAP weiterhin seinen Verpflichtungen gegenüber nicht-sanktionierten Kunden nach, teilte ein Sprecher mit. "Da unsere Produkte und Lösungen den Kunden gehören und auf ihren Systemen laufen, gibt es keinen magischen roten Knopf, mit dem wir unsere Software in Russland umgehend abschalten können", so ein Sprecher.

Ritter Sport sieht wirtschaftliche Unabhängigkeit bedroht

Für den Schokoladenhersteller Ritter Sport aus dem schwäbischen Waldenbuch (Kreis Böblingen) ist Russland ein wichtiger Markt. Über 10 Prozent des Umsatzes mache das Geschäft in Russland aus, teilte ein Sprecher mit. Ritter Sport beliefere den russischen Markt vorerst weiter, "da ein kompletter Stopp unserer Lieferungen nach Russland sehr ernsthafte Auswirkungen auf uns als unabhängiges, mittelständisches Familienunternehmen insgesamt hätte".

Metro betont Verantwortung für Mitarbeiter und Kunden

Viele Unternehmen begründen ihren Verbleib in Russland mit der Verantwortung gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie Kundinnen und Kunden. So hieß es vom Großhandelskonzern Metro, der nach Firmenangaben 93 Märkte in Russland betreut und dort zuletzt etwa zehn Prozent seines Umsatzes erwirtschaftete, man habe "Verantwortung für die 10 000 Kolleginnen und Kollegen" vor Ort. Zudem bezögen viele Kunden bei Metro ihre Lebensmittel.

Bayer sieht eine ethische Verpflichtung

Der Agrar- und Pharmakonzern Bayer sprach von einer ethischen Verpflichtung, wonach er der Zivilbevölkerung wesentliche Gesundheits- und Landwirtschaftsprodukte nicht vorenthalten könne. Dies würde die Zahl an Menschenleben, die der Krieg fordere, nur vervielfachen.

Conti will Mitarbeiter vor Strafverfolgung schützen

Der Autozulieferer Continental teilte mit, die Produktion von Pkw-Reifen für den lokalen Markt in seinem Reifenwerk in Kaluga temporär wieder aufgenommen zu haben, um seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor einer Strafverfolgung zu schützen.

Miele sieht Grundsatzdiskussion als notwendig an

Der Gütersloher Hausgeräteproduzent Miele hat laut einem Sprecher die Lieferungen nach Russland mit Ausnahme von Produkten für die medizinische Versorgung eingestellt. Bei Miele denkt man offenbar schon an weitere Diskussionen in der Zukunft. Die Kritik an den deutschen Unternehmen sei eine Diskussion, "die nicht zuletzt auch die grundsätzliche Frage nach dem künftigen Umgang mit Absatzmärkten aufwirft, die mit Krieg, Unterdrückung oder anderen Verletzungen von Menschenrechten in Verbindung gebracht werden".

Ukraine-Krieg: Alle wichtigen Informationen für die Industrie

Flaggen von der Ukraine und Russland
(Bild: jd-photodesign - stock.adobe.com)

Der Ukraine-Krieg hat die Welt verändert und hat auch Auswirkungen auf die deutsche Industrie und Wirtschaft. Hier finden Sie weitere Informationen:

 

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dpa